GASTRO

Falstaff 11-2020

Wie gut ein hochtalentierter, erfahrener Spitzenkoch auch einem betont lässigen Gastronomiekonzept tut, beweist Nils Henkel im »Bootshaus«, einem im Vintage und Shabby-Chic gestylten Hotel-Restaurant, das ohne Kuschelambiente auskommt, dafür in der ersten Tischreihe einen grandiosen Blick auf den gegenüberliegenden Rüdesheimer Berg inklusive Germania bietet. Henkel und sein Team kochen genau das, was man sich von einer weItläufigen Küche ohne Sterneambitionen wünscht: authentische und unaufgeregte Gerichte, handwerklich meisterhaft zubereitet und von unzweifelhafter Produkt-Qualität. Das alles fern von aufwendigen ästhetischen Arrangements und erklärungsbedürftigen aromatischen Exkursen. Essen pur und schnörkellos wie beim »Segler Snack« mit Rührei, Schinken, Rauchaal, Röstbutter und Gewürzbrot.

Einfach und gut! Mit aromatischem Tiefgang kommt die leicht sämige Grüne Erbsencreme daher, ideal kontrapunktiert mit einem Spieß von saftig gegrilltem Fjordlachs. Nils Henkels Hauptgerichte kommen »Vom Kutter«, wie etwa Wildgarnelen mit Couscous-Salat und Kabeljau in Kartoffelkruste, oder «Vom Bauernhof«, wie Entrecote mit Rosmarin Fritten und der 36 Stunden gegarte Schweinebauch, wunderbar mürbes, zartes Fleisch mit perfekter Kruste. Dazu serviert die Küche Ingwerspitzkohl und Kräuterseitlinge, das Ganze überschaubar umspült von intensiver Teriyaki-Jus, die nach mehr schmeckt. So lässig und deutlich die Küche über das Mittelmaß springt, so nachlässig erscheint uns die Pflege der Weinkarte zu sein, die wenig Innovatives bietet. Darüber tröstet der professionelle Service hinweg, der ein besonderes Lob verdient.